Pressemitteilung an die Passauer Neue Presse

Bürgerinitiative EnergieDialog fordert Überprüfung der geplanten ChemDelta-Leitung


Bedarfsprognosen unsicher – hohe Kosten und erhebliche Landschaftseingriffe befürchtet

Reut/Taubenbach, 10. April 2026 – Die Bürgerinitiative EnergieDialog aus Reut/Taubenbach hat eine ausführliche Stellungnahme zum 2. Entwurf des Netzentwicklungsplans Strom 2037/2045 (NEP 2025) zum Projekt P474 „Energiewende-Leitung ChemDelta“ eingereicht. Die Initiative vertritt zahlreiche betroffene Bürgerinnen und Bürger aus der Region Rottal-Inn und Altötting.

Die Initiative bezweifelt den zugrunde gelegten hohen Strombedarf der Chemieindustrie im Chemiedreieck und warnt vor möglichen Fehlinvestitionen sowie erheblichen Eingriffen in die Kulturlandschaft.

Die geplante 380-kV-Freileitung zwischen Burghausen und Simbach am Inn sowie neue Umspannwerke und eine Schaltanlage würden unmittelbar Wohngebiete, landwirtschaftliche Flächen und – je nach Trassenführung – auch das denkmalgeschützte gotische Ensemble in Taubenbach (Kirche, Pfarrhof und Kapelle) betreffen.

„Wir haben am 25. März 2026 mit Vertretern von TenneT ein sachliches und konstruktives Gespräch in Reut geführt. Dabei wurde wiederholt auf vorgelagerte Planungsebenen und politische Vorgaben verwiesen. Deshalb bitten wir die Bundesnetzagentur, die Bedarfsannahmen unabhängig und kritisch zu prüfen“, erklärt Irmgard Amann von der Bürgerinitiative EnergieDialog.

 

Kernkritik: Unsichere Bedarfsprognosen

Die Bedarfsprognosen im NEP stützen sich maßgeblich auf die Studie „Trans4In 2.0“ (Juli 2025), an der TenneT als Projektpartner beteiligt war. Die zugrunde liegenden Szenarien basieren überwiegend auf unternehmensinternen Angaben der Chemieunternehmen; verbindliche Abnahmeverträge oder belastbare Nachweise sind öffentlich nicht transparent nachvollziehbar.

Besonders kritisch bewertet die Initiative die aktuelle Entwicklung bei der Wacker Chemie AG: Das Unternehmen verzeichnete 2025 einen Verlust von rund 805 Millionen Euro und kündigte im Rahmen des Sparprogramms „Project PACE“ den Abbau von über 1.500 Stellen an, überwiegend in Deutschland. Vor diesem Hintergrund erscheinen die zugrunde gelegten Wachstums- und Elektrifizierungsannahmen zunehmend unsicher.

Zudem zeigen aktuelle Anpassungen im Netzentwicklungsplan, dass die zugrunde liegenden Bedarfsprognosen einer hohen Dynamik und Unsicherheit unterliegen. So werden im aktuellen Entwurf mehrere Gleichstromprojekte – darunter der OstWestLink (DC40) und der NordWestLink (DC41) – nicht mehr als volkswirtschaftlich erforderlich eingestuft. Auch der sogenannte Westbayernring (Projekt P487) ist im aktuellen Entwurf nicht mehr enthalten.

Aus Sicht der Bürgerinitiative unterstreicht dies, dass großräumige Netzausbauvorhaben regelmäßig überprüft und an veränderte Rahmenbedingungen angepasst werden müssen.

 

Wasserstoff und Elektrolyse: erhebliche Unsicherheiten

Ein wesentlicher Teil der NEP-Prognosen beruht auf einem steigenden Strombedarf durch großindustrielle Wasserstoff-Elektrolyse. In der Praxis erreichen Elektrolyseanlagen Wirkungsgrade von typischerweise etwa 60–75 %, was einem Strombedarf von rund 48–65 kWh pro Kilogramm Wasserstoff entspricht. Unter realen Betriebsbedingungen – insbesondere bei schwankender Auslastung – können diese Werte weiter abweichen. Zusätzlich entstehen entlang der Prozesskette weitere Verluste, etwa bei Verdichtung, Transport, Speicherung und Nutzung.

Im Szenario „Trans4In 2.0“ wird ein Teil des Wasserstoffbedarfs (ca. 5,5 TWh pro Jahr) durch Importe gedeckt, wodurch der regionale Strombedarf rechnerisch auf etwa 10,7 TWh pro Jahr sinkt. In einem alternativen Szenario mit überwiegend lokaler Elektrolyse steigt der Bedarf hingegen auf bis zu 18 TWh pro Jahr.

Diese Spannbreite verdeutlicht, dass die tatsächliche Entwicklung des Strombedarfs stark von Annahmen abhängt, die derzeit mit erheblichen Unsicherheiten behaftet sind.

Zwar gibt es erste konkrete Projekte wie „HyPipe one“ (Umrüstung einer rund 15 km langen Erdgasleitung im Raum Gendorf–Burghausen, Inbetriebnahme eines ersten Abschnitts voraussichtlich Ende 2026). Der notwendige großräumige Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur – insbesondere „HyPipe Bavaria“ mit rund 300 km Leitungslänge – ist jedoch erst für die frühen 2030er Jahre vorgesehen.

Gleichzeitig berichten Fernleitungsnetzbetreiber bundesweit von steigenden Kosten und Verzögerungen beim Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes. Verbindliche Lieferverträge für die angenommenen Importmengen sind bislang nicht ersichtlich.

Damit hängt die prognostizierte Entwicklung des Strombedarfs maßgeblich von Voraussetzungen ab, deren Eintritt weder zeitlich gesichert noch wirtschaftlich hinreichend belegt ist. Aus Sicht der Bürgerinitiative sind diese Annahmen daher nur eingeschränkt geeignet, als Grundlage für weitreichende Netzausbauentscheidungen zu dienen.

 

Regionale Alternativen vorhanden

Die Initiative verweist auf geplante regionale Gaskraftwerke von RWE im Raum Burghausen: ein rund 800 MW starkes Gas- und Dampfkraftwerk sowie ein etwa 150 MW Peaker-Kraftwerk (beide H₂-ready) im Holzfelder Forst.

Hinzu kommen laufende 380-kV-Netzverstärkungen sowie bestehende grenzüberschreitende Kuppelkapazitäten nach Österreich. Diese Optionen könnten den Bedarf für zusätzliche Netzausbauvorhaben potenziell reduzieren.

 

Netzausbau schafft Anreize – Kosten tragen die Verbraucher

Analysen, unter anderem von Lorenz J. Jarass, zeigen, dass die Kosten des Leitungsausbaus im Netzentwicklungsplan bislang nicht ausreichend berücksichtigt werden. Jarass ist emeritierter Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule RheinMain und befasst sich seit Jahrzehnten mit Energiesystemen, Stromnetzen und Infrastrukturinvestitionen. Er weist darauf hin, dass ein überdimensionierter Netzausbau zu unnötigen Kosten führen und effizientere, dezentrale Lösungen verdrängen kann.

Für TenneT als regulierten Netzbetreiber entstehen durch neue Leitungen zudem finanzielle Anreize: Jede Investition erhöht die sogenannte Regulated Asset Base (RAB), auf die eine von der Bundesnetzagentur genehmigte Verzinsung gewährt wird (für neue Investitionen bis zu rund 7 %).

Im Jahr 2025 wuchs die RAB auf 36,79 Milliarden Euro bei Investitionen von 10,05 Milliarden Euro. Die entstehenden Kosten tragen letztlich die Stromverbraucher über die Netzentgelte.

Dezentrale und regionale Lösungen, die weniger Netzausbau erfordern, werden dadurch strukturell benachteiligt – obwohl sie häufig kostengünstiger, resilienter und landschaftsschonender wären.

 

Forderungen der Bürgerinitiative

Die Bürgerinitiative EnergieDialog fordert:

  • eine kurzfristige Aktualisierung und unabhängige Validierung der Strombedarfsprognosen, 
  • die stärkere Berücksichtigung regionaler Erzeugungskapazitäten und grenzüberschreitender Verbindungen, 
  • eine transparente Einbeziehung der Netzausbaukosten und Anreizwirkungen, 
  • die konsequente Anwendung des Bündelungsgebots (§ 43 Abs. 3 EnWG) sowie eine umfassende Prüfung alternativer Trassenführungen, insbesondere entlang der A94 (ggf. teilweise als Erdkabel). 

„Wir stellen die Energiewende nicht in Frage – aber ihre Umsetzung muss wirtschaftlich sinnvoll, realistisch geplant und für die betroffenen Regionen zumutbar sein“, betont die Bürgerinitiative.

Die Raumverträglichkeitsprüfung durch die Regierung von Oberbayern soll voraussichtlich im Frühjahr 2026 beginnen.

 

Unterschriftenaktion gestartet

Die Bürgerinitiative EnergieDialog ruft betroffene Bürgerinnen und Bürger, Landwirte, Naturschützer und Anwohner zur Unterstützung auf: Mit ihrer Unterschrift können sie dazu beitragen, dass die Planung kritisch überprüft und landschaftsschonendere Alternativen ernsthaft geprüft werden.

Unterschriftenlisten liegen in Reut und den umliegenden Gemeinden aus oder über die Internetseite, unter Punkt Aktuelles. Eine Beteiligung ist noch bis Ende April 2026 möglich.

Weitere Informationen sind unter www.energiedialog.info verfügbar. Dort finden Interessierte unter dem Punkt „Möglichkeiten“ auch Anregungen zur Einreichung eigener Stellungnahmen.

 

Für Rückfragen:
Bürgerinitiative EnergieDialog
Irmgard Amann
Ebenhof 2, 84367 Reut
Telefon: 08572 969622

 

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